Die im Juni 1993 gegründete Schule befand sich bis zum Jahr 2000 in den Wohn- und Schlafräumen des Kinderheimes. Jahr für Jahr musste für die neu hinzu kommenden Schüler neuer Platz geschaffen werden, bis wir im Dezember 2000 ein eigenes Schulgebäude beziehen konnten. Im Januar 2008 wurde ein weiterer Schulbau fertig gestellt. Dort werden zurzeit (Juni 2008) 151 Kinder in 12 Stufen unterrichtet. Geplant ist, die beiden Vorschulklassen bis einschließlich der 4. Klasse doppelzügig zu unterrichten, um ab der 5. Klasse einzügig weiter zu fahren. Dementsprechend würde die Schule maximal 230 Schüler aufnehmen können.
Unterrichtssprache ist Englisch, weitere Sprachen sind Kannada (Landessprache) und Hindi (überregionale Sprache) - drei Sprachen, drei Schriften! Daneben erhalten die Kinder Unterricht in Mathematik, Naturwissenschaften, Sozialkunde (Erdkunde und Geschichte), Computeranwendung sowie Kunst, Musik, Sport und Schwimmen. Der Schulabschluss ist die staatliche Prüfung SSLC (Secondary School Leaving Certificate), die die Kinder als Externe an staatlichen Schulen ablegen. Dieses Prüfungsniveau entspricht etwa dem Realschulabschluss.
Konzept
In unserer Schule sollen Kinder, die zu Hause aufgrund extremer Armut nur Aggression, Ablehnung und körperliche Auseinandersetzungen erleben, rundum betreut und gefördert werden. Dabei werden Mädchen bevorzugt. Da die Kinder durch die täglichen Konflikte und Angstzustände traumatisiert und in hohem Maße verunsichert sind, ist ihre Konzentrationsfähigkeit gering. Deshalb unterrichten wir in kleinen Gruppen von maximal 10 Kindern, bieten den Stoff in den ersten Klassen spielerisch an und späterhin mit viel Anschauungsmaterial. Es ist uns sehr wichtig, dass die Kinder ein Selbstwertgefühl erlangen, das ihnen bis dahin gänzlich fehlt. Kinder, die trotz dieser umfassenden Betreuung Verhaltensstörungen aufweisen, erhalten Beratung durch ein psychologisches Team.
Falls ein Kind ein besonderes Talent erkennen lässt, wie z.B. Tanzen, Singen, Rhythmusgefühl, sportliches Können, wird es darin besonders gefördert, um auch dadurch sein Selbstwertgefühl zu steigern. In den letzten Jahren boten wir in der Schule Arbeitsgemeinschaften (AG's) wie Nähen, Schreinern, Basketball, Tischtennis und Volleyball an, die die Kinder obligatorisch durchlaufen mussten, um späterhin eins auszuwählen. Die Kurse Nähen und Schreinern stellten wir ein, da sie bald im Ausbildungszentrum unterrichtet werden.
Die Schule hat ihren eigenen Lehrplan von der ersten Vorschulklasse bis zur 8. Klasse. Dieser ist zwar eigenständig, orientiert sich aber an den Forderungen der staatlichen Prüfungen am Ende der 7. und 10. Klasse. Lernschwache Kinder scheiden nach der Zwischenprüfung in der 7. Klasse aus und werden einer praktischen Tätigkeit zugeführt. Wenn ein Kind bereits in den ersten Jahren große Lernschwächen aufweist, wechselt es an eine Schule mit der Unterrichtssprache Kannada, wo es bessere Chancen hat, als in einer Fremdsprache zu lernen. Nach bestandenem SSLC-Examen kann der Schüler eine berufsorientierte Ausbildung beginnen oder auch das PUC (Pre-University Course = Abitur) anstreben. Dazu besucht er ein Junior College für zwei Jahre. Das Zeugnis des PUC berechtigt das Kind zu einem akademischen Studium.
Hauptziel unserer Schule ist es, neben dem Fachwissen Selbstwertgefühl, Verantwortungsbewusstsein und Solidarisierung mit den Schwachen bei den Kindern zu entwickeln. Toleranz, Ehrlichkeit und Gleichstellung von Jungen und Mädchen sind weitere Schwerpunkte unserer Erziehung. Auf dieser Grundlage hoffen wir, ihnen die Möglichkeit zu einem selbständigen Leben ihrer Begabung und Fertigkeit entsprechend zu bieten.
Auswahl der Kinder
Die Kinder werden ausschließlich aus den Elendsvierteln der Umgebung ausgewählt. Das erste Auswahlkriterium ist Armut, die unser Sozialarbeiter durch persönliche, nicht angekündigte Besuche feststellt. Der Andrang ist groß: etwa 300 Voranmeldungen für 10, neuerdings 20 Plätze. Neben der Armut spielen soziale Kriterien wie Halbwaise / Vollwaise, allein erziehende Mutter / allein erziehender Vater, Anzahl der Kinder, Krankheiten der Eltern, etc., eine entscheidende Rolle. Von einer Familie wird höchstens ein Kind gefördert. Das Verhältnis zwischen Jungen und Mädchen von 3 : 7 ist ein von uns gewähltes Kriterium, das grundsätzlich erfüllt werden muss. Weiterhin berücksichtigen wir lokalpolitische Aspekte wie die gleiche Behandlung aller sieben umliegenden Dörfer, um keinen Neid zu erzeugen. Alle Versuche, uns mit Geldgeschenken zugunsten eines Kindes der besser verdienenden Schichten zu bestechen, werden kategorisch abgelehnt. Religions- oder Kastenzugehörigkeit haben für uns keinerlei Bedeutung.
Nach dieser vorläufigen Auswahl prüft ein Lehrerteam die Schulfähigkeit der Kinder und trifft damit die letzte Entscheidung über ihre Schulzulassung. Für die 20 ausgewählten Kinder bedeutet unsere Schule ein lebensbestimmendes Moment. Dessen werden sie sich allerdings erst im Laufe etlicher Jahre bewusst werden.
Finanzierung der Schule
Der Unterricht und alle Materialien sind kostenfrei sowie Kleidung, Schuhe, Tornister, zwei Mahlzeiten pro Tag und ein Duschbad. Alle diese Schulkosten werden durch Spenden / Patenschaften, in erster Linie aus Deutschland und der Schweiz und zum kleineren Teil aus Indien, Österreich und den USA, gedeckt. Die Familien der Kinder haben keinerlei Kosten zu tragen.
Die Finanzierung umfasst im Einzelnen:
- Personalkosten für Lehrkräfte und andere Mitarbeiter
- Unterhalt und Betriebskosten des Schulbusses
- Schulmaterialien für die Kinder
- Schulausstattung
- Betriebskosten wie Reparaturen, Strom- und Telefongebühren, Büromaterialien, etc.
- Materialkosten für Arbeitsgemeinschaften
- Ausbildungskosten für Schulabgänger
- Ernährung der Kinder:
- Frühstück (Müsli, Banane, Milchtee)
- warmes Mittagessen
- Zwischenmahlzeit und warmes Abendessen während Vorbereitungszeit vor staatlichen Prüfungen
- Gesundheitsfürsorge: Impfungen, Grundmedikamente wie Vitamine, Eisen, Medikamente zur Entwurmung, Erstversorgung bei Verletzungen
- Essen für Eltern, Kinder und Gäste bei besonderen Schulveranstaltungen
- Weihnachtsgeschenke für alle Kinder und Mitarbeiter
- Bustickets aller Fahrkinder
Fazit
Die aus den Armenvierteln der Millionenstadt Bangalore stammenden Kinder, denen eine menschenwürdige Zukunft nicht in die Wiege gelegt wurde, erfahren durch diese Hilfe eine schicksalhafte Wende in ihrem Leben.
Sie können zunächst für sich selbst und ihre Familie eine Lebensperspektive schaffen. Und sie werden eventuell in ferner Zukunft den Gedanken der Shishu-Schule weitertragen: Einen anderen Menschen in Not zu seinem Bruder zu machen.
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