Liebe Shishu-Freunde,
wir nähern uns dem Höhepunkt des Jahres, dem Weihnachtsfest, vor dem ich gerne inmitten aller Hektik und Vorbereitungen auf die vergangenen zwölf Monate zurückblicke und auch Sie, die Sie erheblich zum Weiterbestehen unseres Shishu Mandir Projektes beigetragen haben, daran teilnehmen lassen möchte. Ich tue das wieder einmal mit sehr gutem Gefühl, da ich auch dieses Mal von zahlreichen Fortschritten in unserem Projekt berichten kann.
An unserer Zusammensetzung änderte sich natürlich laufend etwas, sowohl in der Schule als auch im Heim. In der Schule haben wir z.Zt. 119 Kinder, 14 Kinder wurden neu aufgenommen und 10 Kinder gingen ab, davon 6 ohne abgeschlossene 10.Klasse, doch 4 mit dem entscheidenden 10.Klasse-Examen, sogar alle mit sehr guten Noten. Diese 4 Kinder, 2 Mädchen und 2 Jungen, wollen weiter studieren/sich ausbilden: 3 gehen zum College für den 12.Klasse-Abschluß [= Abitur] und 1 strebt die Ausbildung zum Computertechniker an. Sie haben alle einen College- bzw. Ausbildungsplatz gefunden.
Unsere diesjährigen 3 Kandidatinnen für das Abitur (Celin, Deepa und Manoshalini) bestanden alle mit guten Ergebnissen, 2 mit einer First Class und 1 mit einer Second Class. Sie wollen Lehrerin (2) bzw. Krankenschwester (1) werden. Celin und Manoshalini, die beiden Lehramts-kandidatinnen, fanden einen Studienplatz und erzielten auch dort gute Ergebnisse. Deepa, die spätere Krankenschwester, legt zunächst einmal ein einjähriges Praktikum ein, womit sie gleichzeitig ihrer Familie finanziell behilflich sein möchte.
3 weitere Mädchen, Kumari, Jennifer und Vidya, die schon vor einiger Zeit unsere Schule ohne den staatlichen 10.Klasse-Abschluß verließen und ihren Weg noch nicht richtig gefunden haben, entschlossen sich jetzt spontan, Erzieherin zu werden, und konnten sogar einen Ausbildungsplatz finden. Zwar ist es eine in privater Hand liegende Ausbildungsstelle ohne gültigen Abschluss, doch ist sie außerordentlich gut im Gegensatz zu den entsprechenden staatlichen Ausbildungsstätten.
Außer diesen "eigenen" Schulkindern unterstützen wir noch 53 Kinder an anderen Schulen mit "Schulpatenschaften", d.h. wir zahlen alle Schulgebühren, Schulkleidung und Busgeld.
Im Heim bekamen wir 9 Kinder von staatlicher und 1 von privater Seite zugewiesen, und 10 Kinder verließen das Heim, davon 8 zur Adoption. Damit schwankt die Zahl unserer Kinder im Heim um 27. Die in der neu geschaffenen WG lebenden 3 Studentinnen, Viji, Malathi und Lakshmi, die die Trennung vom Heim nur sehr schwer verkrafteten, haben sich inzwischen besser zurechtgefunden, besonders da wir ihnen unsere Studentinnen Celin und Manoshalini als weitere Mitbewohner zugewiesen haben. Diese beiden Mädchen hatten es in ihren Familien durch den ausgeprägten Alkoholismus ihrer Väter besonders schwer.
Zwei Ereignisse im Heim haben uns in diesem Jahr schwer getroffen: der unverständliche Abgang der beiden Mädchen Preethi und Lakshmi, die wir seit frühester Kindheit in unserer Obhut hatten. Preethi folgte mit ihren 16 Jahren und gerade fertiger 7. Klasse einer Pubertätslaune und zog zu ihrem Boyfriend, ein in Indien absolut verwerfliches Ereignis, und Lakshmi erlitt mit 23 Jahren kurz vor Abschluß ihres letzten Lehrerexamens eine psychische Veränderung, aus der sie trotz aller Versuche nicht zu befreien war. Sie kapselte sich immer mehr ab, besuchte auch die Vorlesungen nicht mehr und verließ schließlich auf eigene Faust unsere Gemeinschaft. Eine professionelle Hilfe hatte sie stets weit von sich gewiesen. Beide "Fälle" führen uns vor Augen, dass wir zwar alle Umfeldbedingungen nach unserer Einschätzung so gut und geborgen wie möglich anbieten können, es aber nicht in unserer Macht liegt, was letzten Endes in ihrer Seele geschieht. Die frühkindlich erlebten Traumen können doch immer wieder die Oberhand gewinnen.
Letztes Jahr berichtete ich Ihnen vom Bau des Gemeindesaales, der morgens von einem Kindergarten und abends von der gesamten Dorfjugend als Raum für Hausaufgaben benutzt wird. Inzwischen sind an der Außenseite öffentliche Toiletten angebaut worden und zusätzlich ein vor dem Haus gelegener, von der öffentlichen Wasserversorgung gespeister Wasserbehälter. Natürlich muss mittels eines kleinen Kruges manuell gespült werden.
Um beim Bauen zu bleiben: Wir konnten wieder einige kleine Häuschen für die am schlimmsten betroffenen Familien von Schulkindern bauen. Diese Häuschen werden aus Sonderzuwendungen von Spendern (1000 EUR) finanziert und in Eigenleistung der Slumbewohner erstellt. Als Besonderheit dieses Programms wollen wir zwei Frauen, und zwar die Mütter von Anand Kumar und Ramesh, die üblicherweise nur als Hilfskräfte arbeiten, zu Maurern ausbilden. Damit versuchen wir, den Leitgedanken "Gleiche Chancen für Mann und Frau" sowie "Hilfe zur Selbsthilfe" in die Tat umzusetzen, was wiederum in dieser Form von unserem Schulleiter, Herrn Anand, angeregt worden war. Insgesamt haben jetzt 7 Familien durch unsere/Ihre Hilfe ein festes Dach überm Kopf. Diese Hilfe wird auch weiterhin dringend benötigt.
In diesen Wochen wurde nun Südindien von einem besonders heftigen Monsunregen heimgesucht, der alle Flüsse und Seen über die Ufer treten ließ und damit auch das Nachbardorf unserer Schule schlimm zurichtete. Das Haus eines Kindes, Yasmeen, wurde völlig unbewohnbar und muß von Grund auf erneuert werden.
Zu unserer großen Freude haben wir nun wirklich mit dem Bau des seit langem geplanten Schulerweiterungsbaues und des Ausbildungszentrums begonnen! Die symbolische Grundsteinlegung erfolgte bereits zu Beginn des Jahres. Dann waren aber noch alle bürokratischen Formalitäten zu erledigen, so dass der eigentliche Baubeginn auf den 24.Oktober 2005 festgelegt wurde, da an diesem Tag - wie in Indien zu Beginn eines jedengrößeren Unternehmens üblich - ein Gottesdienst für das Gelingen unseres Vorhabens abgehalten wurde. Als nächstes folgte der Versuch, einen Bohrbrunnen anzulegen, was allerdings bisher in zwei Angängen mißlang. Wir versuchen es weiter! Momentan wird die Zufahrtsstraße zum bestehenden Gebäude verlegt, da dieses Gelände auch bebaut werden wird. Der Bau hat begonnen, und so bleibt jeder Tag spannend!
Was macht unsere Schule nun zu einer besonderen Institution, dass wir uns genötigt sehen, nach gerade einmal fünf Jahren einen Erweiterungsbau zu erstellen? Natürlich ist eine Schule ohne jegliche Schulgebühren, in der sämtliche Schulmaterialien und die Kleidung, darüber hinaus zwei warme Mahlzeiten und zwei Zwischenmahlzeiten und eine Duschmöglichkeit mit warmem Wasser geboten werden, ein absolutes Novum. Die Auswahl wird von einem Sozialarbeiter und dem Schulleiter in mehreren Hausbesuchen nach strengen Vorlagen getroffen. Über den äußeren Rahmen hinaus unterscheidet sich unsere Schule von dem üblichen autoritären Stil der indischen Schulen durch die warme Atmosphäre zwischen Lehrern und Schülern, die wir als eine unbedingte Voraussetzung ansehen, um sie zu einem positiven Lernprozess zu führen. Unsere Kinder werden von allen Mitarbeitern und natürlich auch den Lehrern respektiert. Wenn sie nicht individuell und mit viel Verständnis angesprochen werden, bleiben sie in ihrer kranken Welt gefangen. Das ist der Hauptunterschied zu anderen indischen Schulen. Man kann diese Kinder nicht mit dem "Durchschnittskind" der Bevölkerung vergleichen. Sie haben zu tiefe Wunden in ihrem Gemüt davongetragen. Doch darin liegt gerade die Herausforderung, die wir auf uns genommen haben: Wir wollen diesen Kindern, die wegen der Armut ihrer Familien und auf grund ihrer gestörten Frühentwicklung keinerlei Aussicht auf eine abgeschlossene Schulbildung haben, die Grundlage für ein ihren Talenten angemessenes Leben geben. Natürlich erleben wir bei aller Zuwendung und allem Aufwand auch herbe Enttäuschungen wie oben beschrieben, doch bislang sind wir optimistisch und geben den Kampf um keines unserer Kinder auf. Die schwächeren Kinder erreichen oft späterhin unter der besonderen Obhut von Herrn Anand noch einen Schulabschluß auf dem zweiten Bildungsweg, der zwar wesentlich niedriger einzustufen ist, ihnen aber ein gesundes Selbstwertgefühl vermittelt. So haben z.Zt. Vidya, Sujatha, Kumar, Vinodkumar und Beena momentan diesen Weg eingeschlagen.
Zu den Besonderheiten unserer Schule dürfte auch der Nähunterricht für die Mütter unserer Kinder zählen. Zur Zeit nehmen 15 Mütter an unserem Nähunterricht teil, nachdem 4 Frauen bereits durch unsere Vermittlung eine festen Arbeitsplatz als Näherinnen in entsprechenden Fabriken gefunden haben. Unsere beiden Sozialarbeiter sind aktiv auf der Suche nach weiteren Arbeitsmöglichkeiten für die Mütter unserer Kinder.
Zu meiner Freude bekommen wir nach wie vor viel Unterstützung von Abiturienten und Studenten, in der Regel aus Deutschland, die ein mindestens 4-monatiges Praktikum bei uns absolvieren. Sie erleben mit unseren Kindern den Alltag mit und bringen ihnen durch ihren engen Kontakt viel Verständnis entgegen. Ein großes Dankeschön an alle tapferen Mitstreiter! Nur der häufige Wechsel ist belastend. Dieses Jahr hatten wir 10 Praktikantinnen. Diese oder auch andere praktische Hilfe nehmen wir immer gern in Anspruch! (für Lehrer/ Ergotherapeuten/Sozialarbeiter etc.: Wie wäre es z.B. mit einem Sabbatjahr?)
Darüber hinaus besuchten uns in diesem Sommer wieder 4 unserer "Experten", also frühere Praktikan-tinnen, die Jahr für Jahr zu uns zurückgekommen waren und uns jetzt mit ihrer Berufserfahrung als Lehrerinnen oder in anderen Berufen mit Rat und Tat zur Seite stehen. So ist es einer unserer Lehrerinnen und unserem Experten-Team zu ver-danken, dass unsere Kinder Bücher aus unserer Bibliothek mit nach Hause nehmen dürfen. Uns nüchterner Denkenden standen die Haare zu Berge, als wir uns vorstellten, in welch zerflettertem und beschmutztem Zustand die Bücher aus den Slumhütten wieder zurückkämen. Doch die Notwendigkeit, Bücher auch in der Freizeit zur Verfügung zu haben, um einen Lese- und Wissensdurst zu entwickeln, überzeugte uns natürlich auch und ließ die finanziellen Einbußen in den Hintergrund treten. In diesem Jahr wurde die Encyclopedia Britannica angeschafft. Unsere Schule steht nun auch mit einem "Zentrum zur Förderung aktiven Lesens" in Verbindung, das die Kinder regelmäßig besuchen und von wo die besonders eifrigen Leseratten mit einer Anerkennung ausgezeichnet werden. 2 Preise gingen schon an unsere Kinder!
Weitere Besonderheiten unserer Schule im Überblick:
- Schwimmunterricht für alle Kinder
- Fahrrad fahren lernen für alle Kinder
- Arztbesuche und Medikamente für alle Kinder frei
- Klettergerüst und zwei Schaukeln in der Schule
- Förderung von umweltbewusstem Denken
- Unterstützung unserer früheren Schulkinder mit Grundnahrungsmitteln
- Psychologische Betreuung und Beratung von Kindern mit Problemen durch zwei unserer
Lehrerinnen und mehrerer Studenten/innen im letzten Semester Psychologie
- Je ein Weihnachtsgeschenk pro Kind und seine Familie (für Familie ausschließlich
Gebrauchsgegenstände eigener Wahl nach vorgegebener Preisgrenze)
- Sonderleistungen an unsere 30 Mitarbeiter:
- Unfallversicherung
- Sparverein
- Krankenversicherung für Mitarbeiter mit geringem Einkommen.
Einige wichtige Hinweise:
- Alle Spenden gehen zu 100 Prozent in unser Projekt.
- Wir sind für Gemeinnützigkeit und Mildtätigkeit
anerkannt.
- Spendenquittungen werden automatisch zum Jahresbeginn ausgestellt.
- Adresse für Patenschaftsangelegenheiten: Frau Dr. Katrin Cleff, Matthias-Grünewald-Str. 65 44141 Dortmund, Tel. 0231-9598057
- Kontaktadresse für alle Schulkinder in Indien: c/o Shishu Mandir Education Centre, Hella Nagar, Virgonagar, Bangalore-560049, Indien
- 2 selbst gestaltete, alternative Weihnachts-CD's (Von Bangalore nach Bethlehem) zu 5 € erhältlich bei Herrn Willi Geisen, Genhodder 16a, 41179 MG, Tel. 02161-580427
- Handgemalte Aquarell-Grußkarten für alle Zwecke zu je 2 € erhältlich bei Frau Anita Wefers, Engelsholt 89, 41069 Mönchengladbach, Tel. 02161-541117
- Nächstes Jahr feiern wir wieder unser Shishu-Fest, Juni oder September
Zum Schluß möchte ich noch von einer Sache berichten, die in diesen Tagen in Bangalore stattgefunden hat: Eine Organisation zur Unterstützung krebskranker Kinder hatte auch unsere Schule um Hilfe gebeten. Unsere Kinder machten sich daraufhin an die "Arbeit" und brachten aus ihren Kreisen den stolzen Betrag von Rs. 18 066 [entspricht 347 €] zusammen (zum Vergleich: Ihre Väter verdienen Rs.1500 pro Monat [entspricht 29 €]). Wir sind völlig sprachlos über diese überwältigende Anstrengung. Vielleicht möchten sie auf diese Weise auch ein kleines Dankeschön sagen für alle Unterstützung, die sie selbst erleben dürfen.
Ihnen allen, die Sie unser Projekt seit Jahr und Tag so großherzig unterstützen, sage ich meinen herzlichsten Dank und hoffe auch weiterhin auf Ihre unentbehrliche Hilfe.
Ich wünsche Ihnen eine frohe und gesegnete Advents- und Weihnachtszeit!
In Verbundenheit
Ihre
Hella Mundhra
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