Liebe Shishu-Freunde,
was für ein Jahr liegt hinter uns!!! Es hätte kaum voller sein können mit Höhen und Tiefen, die wir erleben durften/mussten.
Zunächst stand der mit Spannung und großer Vorfreude erwartete Besuch von Herrn Anand und seiner Frau Vimala ins Haus, für den es ein passendes Programm zu gestalten galt. Wir wollten ihnen Schulen und Ausbildungseinrichtungen zeigen, die ihre Arbeit in Indien befruchten könnten. Dann sollten sie auch unsere Kultur und großen Sehenswürdigkeiten erleben, und schließlich wollten wir auch die Kontakte zu den Freunden auf dieser Seite des Globus stärken bzw. herstellen. Ich denke, wir haben das Ziel nicht verfehlt! Sie besuchten zwei Kinderdörfer nach Hermann Gmeiner, zwei Grundschulen, einen Kinderhort, eine Förderschule und eine Berufsschule und bekamen damit einen umfassenden Einblick in das Niveau der Ausbildung der Kinder und Jugendlichen hier sowie in die sehr auf die einzelnen Kinder eingehenden Lehrmethoden.
An Kulturstätten boten wir ihnen einen Besuch des Kölner Doms über das Dachgeschoß - sehr zu empfehlen - und ließen sie die Burgen am Rhein zwischen Boppard und Bingen vom Dampfer aus erleben. Anschließend besichtigten sie Würzburg und Rotenburg mit den Riemenschneider-Altären der Umgebung, und dann ging es auch schon ins Allgäu zum 3-tägigen Shishu-Treffen, zu dem 62 Freunde gekommen waren. Zwar hatten wir dort dann großes Pech mit dem Wetter, was aber auch hieß, dass wir den beiden noch eine Neuigkeit bieten konnten: Schnee, den sie noch nie in ihrem Leben berührt hatten und der sie fast zu zwei kleinen Kindern werden ließ. Natürlich musste Herr Anand einige Power-Point Präsentationen geben und insgesamt für 7 Presseartikel bereit stehen. Neben all diesem Programm haben wir zusammen aber auch riesig viel Spaß gehabt, beide waren offen für alles Neue, was allen Gastgebern eine große Freude war. Dieser Besuch von 18 Tagen, so anstrengend er auch gewesen sein mochte, war so reich an Erlebnissen und Erfahrungen, dass Anand und Vimala am Ende nur sagen konnten:
"Danke, danke für diese einmaligen Erlebnisse in unserem Leben."
was wir eigentlich nur ganz genauso zurückgeben können.
Damit stand die erste Hälfte des zurückliegenden Jahres ganz unter den Vorbereitungen auf unseren 'hohen Besuch'.
Natürlich ging das Leben in Indien weiter und wie immer stark pulsierend. Der Schuljahresabschluss brachte wieder einmal ein hervorragendes Ergebnis für unsere 10 Zehntklässler, von denen 7 mit einer First Class bestanden hatten. Nur Sharmila, die das Schulabgangszeugnis nicht geschafft hatte, war zunächst sehr geknickt. Doch ergab sich auch für sie eine einmalige Chance, da sie von dem Hotel Evoma zur Ausbildung an der Rezeption akzeptiert wurde. Wieder machten sich ihre einwandfreien Englischkenntnisse bezahlt, wie wir es auch bei anderen unserer Kinder erlebt hatten. Diese Hotelleitung hat die gleichen Grundsätze wie wir: Menschen mit Respekt zu behandeln und sie zu einem strukturierten Leben hinzuführen, eine Seltenheit in Indien.
8 der Schulabgänger entschieden sich für die Oberstufe, die meisten für Wirtschaftswissenschaften, die zurzeit 'hoch im Kurs' stehen. Trotz ihrer sehr guten Ergebnisse beim Schulabschluss ist das College für unsere Kinder sehr schwer, allerdings nicht nur für unsere Kinder. Die Notwendigkeit von Nachhilfeunterricht wird als normal angesehen, ist aber sehr teuer. Glücklicherweise haben sich junge Ingenieure von IBM angeboten, unseren Kindern ehrenamtlich in den Wirtschaftsfächern zu helfen. Unsere Kinder waren begeistert! Die IBM-Mitarbeiter haben sich für drei Monate verpflichtet und werden hoffentlich weitere Kollegen animieren können.
Auch in anderer Form erleben wir eine große Öffnung der Oberschicht den sozialen Problemen gegenüber. Sachspenden, besonders natürlich Grundnahrungsmittel wie Reis, Öl und Daal bekommen wir reichlich, an Reis sogar so viel, dass wir auch den Kindergarten von Herrn Anands Frau mit z.Zt. 70 Kindern mit versorgen können. Nur mit Geldspenden sind sie noch sehr vorsichtig und aus gutem Grund auch sehr kritisch. Immerhin beobachten wir eine gute Entwicklung.
Aus der Fülle der Ereignisse eines Jahres fällt es immer schwer, nur einige wenige auszuwählen. Doch eine Entwicklung trat dieses Jahr besonders hervor, die ich gern erwähnen möchte: Es sind unsere früheren Shishu-Kinder, die jetzt als Shishu Mandir-Mitarbeiter einen bemerkenswerten Dienst tun. Seit Jahren hatten wir ja schon unsere Geetha, die ihren Dienst als Kassiererin und Buchhalterin aufgrund ihrer Grundehrlichkeit hervorragend verrichtete. Dann kam Savitha Ramu als Sekretärin hinzu. Sie ist ebenfalls eine sehr zuverlässige Kraft, wenn sie auch noch weiter geschult werden muss, da der Aufgabenkreis unserer Schule sehr groß geworden ist. Ungeahnte Fähigkeiten bewies schließlich Divya, die nach Abschluss ihrer Bachelor-Ausbildung in Business Management (BBM) bei uns als PR-Mitarbeiterin angestellt werden wollte. Sie hat den Bereich der Spendenbeschaffung übernommen und ist darin überaus erfolgreich, da sie mit ihrem eigenen Werdegang die Menschen zutiefst beeindrucken kann. Und schließlich haben wir Swami eingestellt. Er hat zwar nur sieben Schuljahre absolviert, da er zu dem Zeitpunkt seine beiden jüngeren Brüder und seine Eltern unterstützen wollte. Dementsprechend fing er als Laufbursche in einem Büro an, wo er 1500 Rupien (€ 30) im Monat verdiente, und arbeitete sich im Laufe von 4 Jahren durch Fleiß und Zuverlässigkeit und natürlich immer wieder auf Grund seiner fließenden Englischkenntnisse auf 9000 Rup€en (€ 180) hoch. Er ist jetzt bei uns als der verlässlichste Mitarbeiter anzusehen, da er zu jeder Tages- oder Nachtzeit und an jedem Tag der Woche (trotz Frau und Kind!) einsetzbar ist. Er ist der Angelpunkt aller praktischen Arbeit geworden, die er perfekt organisiert. Aber auch in Verhandlungen mit Behörden versteht er sein Handwerk bestens. Er ist so etwas wie Anands "rechte Hand" geworden. Wir können also voller Zufriedenheit auf einige unserer Kinder - wir denken doch, die meisten - schauen.
Aber natürlich gibt es auch immer wieder herbe Enttäuschungen. Wieder sind zwei Mädchen, Chennamma und Bhuvaneshwari, mit ihren Burschen weggelaufen. Damit haben bisher sechs unserer Mädchen ihre Chance auf ein besseres Leben vertan. Bhuvaneshwari hatte einen hervorragenden Schulabschluss geschafft, war dann aber nicht mehr von ihrem Umgang mit einem Straßenlümmel abzubringen. Das ist sehr schmerzlich, und wir sind in dieser Hinsicht auch völlig ratlos.
Noch eine niederschmetternde Nachricht: Unsere Geetha hat jetzt außer ihrer kompletten Niereninsuffizienz und Hepatitis C noch eine Lymphknotentuberkulose hinzu bekommen. Sie trägt dieses schwere Schicksal mit großer Ruhe, indem sie ihre Kraft aus dem Evangelium nimmt.
Im Heim hatten wir eine gute Phase, mit Ausnahme eines Säuglings, Monish, der zur Adoption abgegeben worden war und schon nach drei Wochen einen Knochenbruch hatte. Es stellte sich heraus, dass er an der Glasknochenkrankheit leidet. Inzwischen ist er sechs Monate alt und hat bereits 10 Knochenbrüche erlitten. Wir stellten für Monish eine weitere Betreuerin ein, da er viel intensiver umsorgt werden muss. Trotz des bei dieser Krankheit eingesetzten Medikamentes 'Bisphosphonat', gibt es keine Heilung, sondern nur Linderung, und so wird Monish ein Leben lang schwerst behindert sein. Natürlich ist dieses Kind für uns eine schwere Bürde. Wir sind zutiefst erschüttert über dieses Schicksal und sehen uns mit der finanziellen Belastung weit überfordert.
Wie in den letzten Jahren haben wir auch dieses Jahr wieder mit einem enormen Lehrerwechsel zu kämpfen gehabt. 8 Lehrer (von insgesamt 22) gingen und 10 neue kamen, es war der wahre Wahnsinn. Dabei waren unterschiedliche Gründe wie höhere Gehaltsangebote, Krankheit, Schwangerschaft, Versetzung des Mannes in eine andere Stadt, Krankheit der Tochter, Entbindung der Tochter oder auch Inkompetenz ausschlaggebend. Um mit den sonst angebotenen Gehältern einigermaßen mithalten zu können, haben wir außer den jährlich fälligen Gehaltserhöhungen eine Extrazahlung von Rs. 300.000 (€ 5000) an alle Mitarbeiter für die Ausbildung ihrer Kinder vorgesehen. Je nach unserer Finanzlage soll diese zusätzliche Unterstützung jedes Jahr gezahlt werden.
Unser Sorgenkind Lakshmi, die durch ihre familiäre Situation mit zwei alkoholabhängigen Eltern schwerst geschädigt zu uns gekommen war, hat eine erfreuliche Entwicklung genommen. Sie hatte sich angewöhnt, durch Schreiattacken die gesamte Schule zum Stillstand zu bringen, weswegen eine anderweitige Unterbringung in Erwägung gezogen worden war. Da meldete sich Verena, die gerade ihre Ausbildung zur Sonderpädagogin abgeschlossen hatte, zu einem 6-monatigen Freiwilligendienst bei uns an. Sie begleitete Lakshmi den ganzen Tag in Einzelbetreuung, saß neben ihr im Unterricht, gab ihr Extra-Aufgaben, und ganz allmählich zeigte sich Lakshmi von ihrer Sonnenseite. Zwar gab es immer noch Aussetzer, doch längst nicht mehr von der Vehemenz wie vor der Einzelbetreuung. Nach Verenas Ausscheiden, hatten wir das Glück, eine neue Betreuung durch Lucas sichern zu können, der zwar keine spezielle Ausbildung hat, aber allein durch die intensive Zuwendung in Lakshmi das innere Gleichgewicht stärkt, so dass sie so auch wieder von den anderen Kindern besser akzeptiert wird.
Wie ja schon mehrmals berichtet, sind wir im Begriff, unser Kinderheim umzusiedeln. Es hat sich als notwendig erwiesen, das Kinderheim in die Nahe der Schule zu verpflanzen, da die Fahrzeit auf den immer mehr von Stau geprägten Straßen von Bangalore unzumutbar lang geworden ist. So haben wir ein Baugrundstück in der Nähe der Schule erwerben können und wollen den Grundstein für den Neubau im Januar 2011 legen. Die Einweihung des Gebäudes ist bereits auf den 1. Januar 2013 festgelegt, da wir dann unser 30-jähriges Jubiläum feiern werden. Sie dürfen sich also schon jetzt diesen Termin für einen Besuch in Indien rot markieren. Das Kinderheim wird ein neues Konzept haben: die Kinder werden in Gruppen von maximal 10 Kindern betreut werden. Es werden integrierte Gruppen sein mit jüngeren und größeren Kindern, wie in einer echten Familie. Fraglich ist dabei lediglich, ob wir die nötigen Betreuerinnen und die Erzieherin bekommen können, die wir schon seit Jahren suchen. Aber wir hoffen weiter.
Das Frauenprojekt, das von Herrn Werner Dahlmanns als hauptsächlichem Promotor betrieben wird, hatte in diesem Jahr viel Aufschwung erhalten. Die bereits im letzten Jahr begonnenen Trainingskurse wurden fortgesetzt, und so konnten 44 Frauen in zwei Monaten einen Kurs in Erster Hilfe und Krankenschwesternhelferin absolvieren. Darüber hinaus erhielten 25 weitere Frauen einen Kurs in Förderung des Selbstwertgefühls. Auch die Vergabe von Kleinkrediten wurde weiter ausgebaut, ca. 100 Frauen profitieren jetzt davon. Die insgesamt 12.500 €, die dafür eingesetzt wurden, dienen überwiegend zur Tilgung ihrer Schulden, die sie für medizinische Behandlungen, Schulgebühren ihrer Kinder, Hausreparaturen oder auch zum Erwerb einer Nähmaschine aufgenommen haben, jedenfalls immer für lebensnotwenige Dinge. Diese Kredite sind ein wahrer Segen für die Frauen, die sonst horrende Zinsen bis zu 20% pro Monat zahlen. Bei uns zahlen sie 1%.
Für diesen Bereich haben wir eine neue Mitarbeiterin gefunden, wie wir sie schon seit Jahren gesucht hatten. Es handelt sich um eine junge Frau, die große Erfahrung als Aktivistin in Frauenfragen besitzt und damit für das Frauenprojekt bestens geeignet ist. Mit ihrer Unterstützung sollten Fragen wie Frauenrechte, Mitgift, sexuelle Gewalt am Arbeitsplatz und in der Familie u.a. behandelt werden. Auch weitere Kurse sollen folgen wie z.B. in Kleinkinderziehung, einfachem Englisch und Grundrechenarten.
Wie groß oder klein muss man sich unser "Shishu" nun vorstellen? Dazu kurz ein paar Zahlen.
Wir unterstützen z.Zt. 240 Kinder bzw. Jugendliche in unseren eigenen Einrichtungen und 15 in anderen Schulen. Darüber hinaus stehen 23 unserer Kinder in höherer Ausbildung. An Mitarbeitern haben wir 61. Insgesamt hat Shishu Mandir bisher 1165 Kinder unterstützt.
Ich möchte Ihnen versichern, dass alle Kinder und unser gesamter Mitarbeiterstab Ihnen von ganzem Herzen danken. Sie alle sind auch weiterhin auf Ihre Hilfe dringend angewiesen.
Bevor ich schließe, schnell noch einige Informationen im Telegrammstil:
- Anerkennung unserer Schule für Unterstufe erreicht. Die Anerkennung der weiteren Klassenstufen weniger schwierig, wird im nächsten Jahr in Angriff genommen.
- Das neue Kinderheim wird 2 Gebäude haben (müssen), gemäß den Richtlinien der Regierung nach Jungen und Mädchen über 10 Jahre getrennt!
- Eine Gruppe von 4 Personen neben der Initiatorin Annie kommt jeden Samstagvormittag, um die Kinder zum Lesen zu animieren, freiwillig und unentgeltlich. In 1 ½ Jahren ist kein Samstag ausgelassen worden, und die Kinder warten ungeduldig auf diese Lese- und Diskutierrunde!
- Wir benötigen dringend Lehrer für einige Monate (Sabbatjahr!), die unsere Lehrer begleiten und sie weiterhin in modernen Lehrmethoden schulen.
- Wir brauchen ebenfalls Ausbilder in Holz- und Metallverarbeitung und Elektrik für unser Ausbildungszentrum, die einen ähnlichen Dienst mit den indischen Kollegen tun.
- Wir würden es begrüßen, einen Link zu Ihrer persönlichen oder Firmen-Homepage zu erstellen, um unseren Bekanntheitsgrad zu erhöhen. Näheres bei Nicole Peters, E-Mail petnic7@web.de.
- 6 Kinder haben noch keine Paten. Auskünfte hinsichtlich Patenschaft auf unserer Homepage www.shishu-mandir.de oder bei Frau Dr. Katrin Cleff, Tel. 0231-9598057.
- Für alle Fälle Bankverbindung: Shishu Mandir - Zukunft für Kinder e.V., Konto-Nr. 760 2121, Deutsche Bank 24, BLZ 310 700 24. Bitte immer eigene Adresse angeben!
Für Ihr Vertrauen und Ihre Unterstützung - viele von Ihnen schon über lange Jahre - danke ich Ihnen nochmals von ganzem Herzen und wünsche Ihnen eine gesegnete Weihnachtszeit und ein Frohes Neues Jahr!
Ihre
Hella Mundhra
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